Unter den deutschen Millionenstädten gilt München allgemeinhin als die spießigste. Wir können diesem Vorurteil nur wenig abgewinnen (wir sind vielleicht aber ein kleines bisschen befangen), schließlich war München früher Heimat des größten Partyareals in ganz Europa und hatte sogar einmal eine Haifischdisco! Ein weiteres Beispiel, das gegen Münchens Spießbürgertum spricht, ist der Fall um Timofej Wassiljewitsch Prochorow. Bekannt als Väterchen Timofej lebte dieser gemeinsam mit seiner Frau in einer Einsiedelei am Oberwiesenfeld, die er selbst ohne Baugenehmigung errichtet hatte. Nun steht sein Haus sogar unter Denkmalschutz.
Ein russischer Eremit gegen die deutschen Behörden
Väterchen Timofej kam 1952 nach München und ließ sich mit seiner Frau Natascha am Rande des alten Flugplatzes am Oberwiesenfeld nieder. Der dortige Schuttberg diente ihnen als Quelle für Baumaterialien, aus denen Väterchen Timofej ein Haus und sogar eine Kirche errichtete. Laut eigener Aussage hatte Timofej während des Kriegs eine Vision, in der er den Auftrag erhielt, nach Westen zu ziehen und eine Kirche zu bauen. Nachdem er in Wien an den Genehmigungen scheiterte, setzte er seine Aufgabe in München in die Tat um – ganz ohne Baugenehmigung.
So entstand die Ost-West-Friedenskirche, an der weder die Katholiken, noch die Orthodoxen Interesse zeigten. Also hielt Väterchen Timofej selbst Liturgie in dem Gotteshaus, dessen Decke er mit Schokoladenpapier versilbert hatte. Später baute er in seinem Haus eine Kapelle, die er ähnlich dekorierte. Trotz des Schwarzbaus, duldeten die Münchner Behörden die Einsiedelei zunächst.
Als man jedoch mit den Vorbereitungen für die olympischen Spiele begann, wollte man die beiden vom Oberwiesenfeld vertreiben. An dieser Stelle sollten das Einzeljagdspringen ausgetragen werden. Nach Protesten aus der Bevölkerung verlegte man die Disziplin schließlich nach Riem. Der Olympiapark entstand zu dieser Zeit um das Zuhause von Väterchen Timofej herum, der bis zu seinem Tod 2004 hier wohnen blieb.
Das Vermächtnis von Väterchen Timofej

Es gab in der Stadtgeschichte Münchens so einige einzigartige Persönlichkeiten, die die Stadt zu dem machen, was sie heute ist. Man denke nur an den exzentrischen Designer Rudolph Moshammer oder die kuriosen Hotpants-Zwillinge. Auch Väterchen Timofej gehörte in diese Riege, was mittlerweile sogar das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege anerkannte.
Im Juni 2026 stellte es die Einsiedelei im Olympiapark unter Denkmalschutz. In diesem Zuge soll ab kommendem Frühjahr auch die Ost-West-Friedenskirche wiederaufgebaut werden, die 2023 vollständig niederbrannte. 2014 erhielten die hiesigen Häuser bereits eine nachträgliche Baugenehmigung. Mit dem neuen Denkmalschutz würdigt man jetzt endgültig die Einzigartigkeit des Orts, den Generalkonservator Mathias Pfeil als “gallisches Dorf” inmitten von München bezeichnete. Von Donnerstag bis Sonntag könnt ihr den Friedensgarten von Timofej kostenlos besuchen und während des Tollwood Sommerfestivals sogar täglich.
📍 Ort: Olympiapark
🕐 Öffnungstage: Donnerstag bis Sonntag
💶 Preisinformation: Eintritt frei