In Bayern nahm so manche Handwerkskunst ihren Ursprung, wie etwa die wunderschöne Lüftlmalerei aus Oberammergau und Mittenwald. Doch nicht nur mit dem Pinsel, auch mit Musikinstrumenten waren die Menschen unseres Bundeslandes vertraut. In einer kleinen Stadt im Oberallgäu, nahe der Grenze zu Österreich, war der Lauten- und Geigenbau von solch großer Bedeutung, dass man sie heute Wiege dieses Handwerk in Europa versteht. Noch heute könnt ihr dieser Tradition in Füssen nachspüren.
Aus einem südbayerischen Dorf über den Kontinent

Der Winter in Europa ist lang und im Mittelalter war er noch länger. Dies erschwerte die Landwirtschaft und führte dazu, dass die Menschen sich auf andere, handwerkliche Berufe spezialisierten. In Füssen war dies der Bau von Lauten und Geigen, was nicht zuletzt mit der Verfügbarkeit der notwendigen Rohstoffe zusammenhing. Für Geigen verwendet man ausschließlich die Hölzer aus Bergwäldern, wie Fichte, Ahorn und Eibe, wovon es am Alpenrand reichlich gibt. Des weiteren lag Füssen an der Handelsstraße Via Claudia Augusta, die Venedig und Augsburg miteinander verband und über den Lech schiffte man Waren nach Wien und Budapest.
Der Geigen- und Lautenbau florierte, weshalb sich die Füssener Bauer 1562 zur ersten Lautenmacherzunft Europas zusammenschlossen. Damals lebten in dem Dorf gerade einmal 2.000 Menschen, wovon bis zu 20 Stück als Lautenmachermeister arbeiteten. Durch die Gründung der Zunft war es nur noch einer beschränkten Anzahl Meister möglich, in Füssen zu arbeite. So wanderten die Instrumentenbauer aus in die Metropolen Europas, wo die großen Opernhäuser bedarf an vielen Geigen hatten.
Vor allem in italienischen Städten wie Venedig, Rom oder Neapel waren sie anzutreffen, was sich auch in der Anpassung ihrer Namen zeigte. Das Holz bezogen sie dabei nach wie vor aus Füssen. Die Napoleonischen Kriege setzten dem Handwerk im 19. Jahrhundert schließlich ein Ende: Die schlechte wirtschaftliche Lage sorgte dafür, dass die letzten verbliebenen Geigenbauer ihre Betriebe einstellten.
Der Geigenbau in Füssen heute

Die Tradition des Füssener Instrumentenbaus erlebte in den 198oer Jahren eine unverhoffte Renaissance: Pierre Chaubert aus Genf gründete 1982 gemeinsam mit Urs Langenbacher eine Werkstadt für Gitarren und Geigenbau in Füssen und belebte das Handwerk somit wieder. Die Gesellen der Werkstatt öffneten später wiederum ihre eigenen Betriebe, sodass die Handwerkskunst wieder auflebte. So könnt ihr also auch heute noch eine originale Füssener Geige erwerben und spielen.
Aber auch an anderen Stellen ist die Tradition sichtbar und wird heute noch gelebt. Besucht die Dauerausstellung des Stadtmuseums, um mehr über den Instrumentenbau in Füssen zu erfahren und historische Exemplare zu betrachten. Am Brotmarkt steht ein Brunnen mit einer Statue des Baumeisters Caspar Tieffenbrucker, der zeitlebens nach Frankreich auswanderte und die französische Lautenbauschule begründete. In der Ritterstraße entdeckt ihr an Haus Nummer 11 eine Gedenktafel für Simpert Niggel. Dieser gilt als der bekannteste Füssener Geigenbauer und wuchs in diesem Haus auf. Heute existieren noch 15 Instrumente, die er im 18. Jahrhundert baute.
Seit 2003 findet in Füssen außerdem jedes Jahr das Festival „Vielsaitig“ statt. Hier zelebriert ihr Geigenbau wie -musik gleichermaßen. Heuer könnt ihr das Festival vom 02. bis 09. September besuchen und euch auf acht Konzerte, spannende Vorträge und Meisterbaukurse freuen. Die Konzerte werden im Kaisersaal des barocken Klosters St. Mang gespielt, in welchem auch das Stadtmuseum beheimatet ist.