Hunderte Male sind wir schon am Münchner Rathaus vorbeigelaufen und trotzdem sind uns bisher viele Details entgangen. Während das altbekannte Glockenspiel dudelt und sämtliche Touristen ihre Handys zücken, schlängeln wir uns durch die Massen und versuchen weiter unserer Wege zu gehen. Kein Wunder also, dass uns noch nie der Lindwurm aufgefallen ist, der an der südwestlichen Ecke des Gebäudes über unseren Köpfen hockt. Vielleicht geht es euch ja ganz genauso und ihr habt das Wurmeck nie bewusst wahrgenommen oder ihm große Beachtung geschenkt. Dabei steckt dahinter eine spannende Legende, die in der Darstellung verewigt ist.
Der Drache, der die Pest brachte

Wie in so vielen deutschen Städten, wütete auch in München im Mittelalter die Pest. Einer Legende zufolge soll ein Lindwurm die Krankheit in die Stadt gebracht und verbreitet haben. Am Marienplatz entstieg er einem Loch, hauchte seinen giftigen Atem in die Gassen und machte die Menschen krank. Kaum jemand traute sich noch aus dem Haus, doch in paar mutige Bürgerinnen und Bürger stellten sich dem Ungeheuer entgegen. Obwohl es ihnen gelang, den Drachen zu besiegen, blieben die Bewohner Münchens nach wie vor in ihren Häusern. Erst die Schäffler vermochten es mit ihrem Tanz, die Menschen wieder nach draußen zu bewegen.
Das Wurmeck erinnert heute mit seiner Darstellung des Lindwurms und der triumphierenden Schäffler an diese Legende. Tatsächlich gibt es die Schäfflertänze allerdings erst seit dem 17. Jahrhundert, lange nach der letzten Pestwelle in München. Dass der Ursprung der Tänze im Ende der Pest liegt, ist also nur ein Mythos. Vor dem Bau des Rathauses befand sich an Ort und Stelle ein altes Bürgerhaus, das den Namen „Wurmeck“ schon seit mindestens 1431 trug. Dieses gehörte der Familie Schönecker aus Augsburg, deren Wappen ein Panthier zierte. Vermutlich missinterpretierten die Menschen das Fabelwesen als Drachen, weshalb sie dessen Darstellung durch den Heiligen Georg ergänzten, der ihn erlegte. So entstand wohl der Hausname Wurmeck und später spann sich daraus die Legende vom Pestrdrachen.
Das Wurmeck am Neuen Rathaus
Auch wenn das alte Bürgerhaus dem Neuen Rathaus weichen musste, so bleib das Wurmeck erhalten. An der Stelle, wo die Weinstraße in den Marienplatz mündet, befindet sich ein Eckturm, an dem ein Drache thront. Anton Keindl modellierte die Bronzeskulptur, die hier emporsteigt. Links und rechts befinden sich zwei Steinreliefs, die die Sage darstellen. Im linken Feld erspäht ihr neben flüchtenden Menschen auch die tapferen Bürger, die sich rüsten, um sich dem Lindwurm entgegen zu stellen. Rechts wiederum tanzen die Schäffler zum Sieg.
Wenn ihr also das nächste Mal am Marienplatz seid, hetzt nicht einfach bloß am Rathaus vorbei. Nehmt euch lieber einen Moment Zeit und haltet am Wurmeck inne. Lasst euren Blick bei der Gelegenheit außerdem noch weiter hinaus wandern zu dem Wasserspeier im dritten Obergeschoss. Dieser greift nämlich ebenfalls die Sage vom Pestdrachen auf. Und vielleicht entdeckt ihr bei der Gelegenheit ja noch ein paar weitere Details am Neuen Rathaus, die euch zuvor nie aufgefallen sind.