Lust auf eine Fernreise, die sich gar nicht so fern anfühlt? Das Jahr 2026 bietet viel Platz für geschickte Urlaubsplanung, die auch größere Reisen erlauben – wenn wir die politische Situation im Blick behalten. Denn ein ganz besonderer Ort liegt in Venezuela. Viele Regionen weltweit haben deutsche Traditionen übernommen: Weihnachtsmärkte werden mit Glühwein gefeiert, das Oktoberfest findet auch in Südeuropa statt, das Münchner Bier ist ein Exportschlager. Bis nach Südamerika hat sich die deutsche Kultur herumgesprochen, genauer gesagt sogar etabliert: In Colonia Tovar, dem „Deutschland Venezuelas“. Rund 8.550 Kilometer entfernt wird hier traditionell Deutsch gesprochen, deutsch gekocht und deutsch gefeiert!
Fachwerk, Bier und Brezeln unter Palmen

Die Geschichte von Colonia Tovar beginnt im Jahr 1843. Rund 400 Siedler, die meisten aus dem Kaiserstuhl in Baden, suchten ihr Glück in der Ferne. Sie brachten nicht nur ihre Habseligkeiten mit, sondern ihre gesamte Kultur: Schwarzwälder Fachwerkbau, bayerische Trachten und die Kunst des Bierbrauens.
Die Siedlung entstand aber nicht einfach so, weil die Deutschen es wollten. Sie wurde von im Rahmen eines staatlich geförderten Agrarkolonisationsprojekts Venezuelas organisiert, das europäische Einwanderung und landwirtschaftliche Entwicklung fördern sollte.
Da das Dorf über ein Jahrhundert lang fast komplett von der Außenwelt abgeschnitten war, blieb die Zeit dort lange einfach stehen. Dadurch blieb zum Beispiel einige Merkmale der Sprache aus dem 19. Jahrhundert bis heute bewahrt. Mit dem Ausbau moderner Verkehrswege und dem zunehmenden Tourismus änderte sich diese Isolation jedoch schnell.
Das fast 9.000 Kilometer entfernte Oktoberfest

Heute hat Colonia Tovar rund 21.000 Einwohner:innen. Es ist noch immer eine kleine, dorfähnliche Siedlung mit einer ausgeprägt alpinen Landschaft. Besonders interessant: Die Häuser sind im klassischen süddeutschen Fachwerkstil errichtet, inklusive spitz zulaufender Dächer und Blumenkästen voller Geranien. Fast, als hätte jemand ein Dorf aus den Alpen genommen und per Hubschrauber in die Nähe der venezolanischen Hauptstadt Caracas versetzt.
Colonia Tovar besitzt sogar einen eigenen Dialekt, den Alemán coloniero, der historisch aus dem Badischen hervorgegangen ist. Das alte Deutsch hat sich durch den Kontakt mit dem venezolanischen Spanisch verändert, Mischformen haben Eingang in den Wortschatz gefunden. Heute dominiert Spanisch den Alltag. Aber dennoch zählt Colonia Tovar zu den bekanntesten Orten Lateinamerikas, in denen sich eine deutschstämmige Sprachinsel historisch erhalten hat
Besonders bekannt sind die Veranstaltungen im Stil des Oktoberfests, das es seit über 45 Jahren gibt. Auch andere lokale Feste werden jährlich groß gefeiert. Typisch für Colonia Tovar sind zudem Wurstwaren, „deutsche“ Backwaren, Bier aus lokalen Brauereien sowie regionale Produkte aus der Umgebung. In Colonia Tovar verschmelzen karibisches Lebensgefühl und deutsche Gründlichkeit zu einer Symbiose, die es so kein zweites Mal auf der Welt gibt.